Von Lifespan zu Healthspan: Die Qualität der eigenen Jahre kuratieren

by AVVY Team
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Wir leben länger als je zuvor. Wie gut wir diese Jahre leben, ist die offene Frage, und zu einem überraschenden Teil das Ergebnis bewusster Entscheidungen.

Über den größten Teil der Moderne war das Versprechen eines langen Lebens ein arithmetisches. Es ging um mehr Zeit, um mehr Jahre am äußersten Rand einer Biografie. Dieses Versprechen ist weitgehend eingelöst, und gerade weil es eingelöst ist, hat sich leise eine anspruchsvollere Frage an seine Stelle geschoben. Sie lautet inzwischen weniger, wie viele Jahre sich noch hinzufügen lassen, und mehr, wie viel von diesen Jahren wach bleibt und erkennbar das eigene Leben.

Das ist die Verschiebung von Lifespan zu Healthspan. Die Lebensspanne ist denkbar einfach zu messen, sie ist die Zahl zwischen Geburt und Tod. Die gesunde Spanne ist schwerer zu fassen und gerade deshalb interessanter. Sie fragt, wie viele der gewonnenen Jahre ein Mensch weitgehend frei von schwerer Krankheit und ernster Einschränkung verbringt, fähig, sich zu bewegen und am eigenen Leben tätig teilzunehmen. Damit holt sie die Longevity aus der Statistik zurück in die Erfahrung.

Wie weit Anspruch und Wirklichkeit hier auseinanderliegen, lässt sich inzwischen vermessen. Eine Forschungsgruppe der Mayo Clinic hat 2024 in JAMA Network Open Daten aus 183 Mitgliedsstaaten der Weltgesundheitsorganisation über zwei Jahrzehnte ausgewertet. Zwischen der Lebenserwartung und den Jahren, die ein Mensch bei guter Gesundheit verbringt, klafft im globalen Mittel eine Lücke von 9,6 Jahren. Bemerkenswert ist die Richtung: Seit dem Jahr 2000 ist diese Lücke gewachsen, von 8,5 auf 9,6 Jahre, ein Anstieg von dreizehn Prozent. Bei Frauen fällt sie im Schnitt um 2,4 Jahre größer aus als bei Männern, und in Deutschland ist dieser Unterschied mit 3,6 Jahren so ausgeprägt wie in kaum einem anderen Land der Untersuchung.

Man kann das als ernüchternde Nachricht lesen. Die Medizin hat uns über ein Jahrhundert Jahre geschenkt, und ein wachsender Teil dieser Jahre kommt mit Einschränkungen. Doch in derselben Zahl steckt eine hellere Lesart. Eine Lücke ist kein Schicksal. Sie ist ein Abstand zwischen zwei Größen, und Abstände lassen sich verändern. Womit diese gewonnenen Jahre gefüllt sind, steht also keineswegs fest, und genau dort beginnt das Interessante.

Bevor man Qualität kuratieren kann, muss man allerdings sagen, was ein gutes Jahr überhaupt ausmacht, und genau hier wird die Forschung selbst unsicher. Ein systematischer Review von S. Masfiah und Kollegen, 2025 in den Ageing Research Reviews erschienen, hat 207 Arbeiten gesichtet und darin 187 verschiedene Definitionen von Healthspan gefunden. Die meisten bestimmen ein gesundes Jahr über die Abwesenheit von Krankheit oder Behinderung. Nur wenige beziehen ein, wie sich das Leben für den Menschen tatsächlich anfühlt. Das schwächt den Begriff nicht. Es schärft ihn, weil es eine unbequeme Frage erzwingt: Was genau meinen wir, wenn wir von guten Jahren sprechen? Wer Gesundheit nur als fehlende Diagnose misst, erfasst das, was sich leicht zählen lässt, und übersieht das Gelebte. Jemand ohne ein einziges schweres Leiden kann sich von Erschöpfung, schlechtem Schlaf oder Einsamkeit längst gemindert fühlen, während ein Mensch mit einer chronischen Erkrankung zugleich Selbstbestimmung und Verbundenheit erfahren kann. Die Qualität eines Jahres ergibt sich nicht aus der Medizin allein.

Die laute Seite der Longevity-Branche hat darauf eine einfachere Antwort. Sie zeigt nach vorne, an die Front der Diagnostik, zu den epigenetischen Uhren, den Infusionsprotokollen, den Präparaten der Woche. Vieles davon ist faszinierend, manches wird sich als haltbar erweisen, das meiste ist noch jung. Auffällig bleibt, dass die Lücke über genau die Jahre weiter gewachsen ist, in denen dieses Versprechen am lautesten wurde. Was die Qualität der Jahre tatsächlich hebt, liegt unscheinbarer und näher.

Es ist nämlich keine Entdeckung, die irgendwo auf einen wartet. Die Qualität eines späteren Lebens entsteht eher so, wie eine gute Sammlung entsteht. Sie wird über die Zeit zusammengetragen, aus einer kleinen Zahl gut belegter Entscheidungen, deren Wirkung sich über die Jahre verzinst. Healthspan wird kuratiert. Diese Einsicht ist weniger bequem als die Aussicht auf eine einzelne Lösung, und sie ist deutlich wirksamer.

Der am besten belegte Posten dieser Sammlung ist die kardiorespiratorische Fitness, die Fähigkeit des Körpers, unter Belastung Sauerstoff zu verarbeiten. 2018 veröffentlichte die Cleveland Clinic in JAMA Network Open die Auswertung von 122.007 Erwachsenen, die ein Belastungs-EKG absolviert hatten. Je höher die Fitness, desto niedriger die Sterblichkeit über den Beobachtungszeitraum, und zwar ohne erkennbare Obergrenze des Nutzens. Die fittesten Teilnehmer hatten über die Jahre ein um rund achtzig Prozent geringeres Sterberisiko als die untrainiertesten der Kohorte. Es handelt sich um eine retrospektive Beobachtung, also um einen starken Zusammenhang und nicht um einen Beweis von Ursache und Wirkung. Zwei Dinge an dieser Arbeit sind dennoch ungewöhnlich ermutigend. Der Effekt zeigte sich auch bei Menschen jenseits der siebzig und bei Bluthochdruck, und Fitness gehört zu den wenigen Gesundheitsgrößen, die man bis ins hohe Alter selbst in der Hand behält.

An dieser Stelle ist eine Vorsicht angebracht, die zur AVVY-Haltung gehört. Wo Longevity populär wird, wird sie auch romantisch, und die schönste Geschichte muss nicht die wahrste sein. Über Jahre galten die sogenannten Blue Zones, einige Regionen in Sardinien, auf Okinawa, in Ikaria, als lebende Belege dafür, dass ein bestimmter Ort und eine bestimmte Ernährung das hohe, gesunde Alter erklären. Der Demograf Saul Newman hat diese Erzählung gründlich erschüttert. Seine Analyse, für die er 2024 einen Ig-Nobelpreis erhielt, zeigt, dass die höchsten Raten an extrem hohem Alter dort auftreten, wo Armut herrscht und Geburtsurkunden fehlen, also dort, wo Daten schlecht und Anreize zum Rentenbetrug groß sind. Diese Arbeit ist als Preprint noch nicht abschließend begutachtet, und Verteidiger der Blue-Zone-Forschung haben 2025 widersprochen. Die Lehre für einen aufmerksamen Leser liegt weniger im Urteil als in der Haltung. Die einfache, übertragbare Antwort, das eine Dorf, die eine Diät, ist meist die, der man am gründlichsten misstrauen sollte.

Was die Kuration der Jahre stattdessen ausmacht, ist erstaunlich unspektakulär und zugleich anspruchsvoll, weil es über Jahrzehnte durchgehalten werden will. Bewegung ist hier mehr als Sport. Sie ist Zugang, zu den Treppen und Straßen eines gewöhnlichen Tages und zu den Reisen, die man noch vorhat. Kraft ist mehr als Muskelmasse. Sie ist die Fähigkeit, das eigene Leben zu heben, das Enkelkind und sich selbst vom Boden. Schlaf ist mehr als Erholung, er ist die Statik unter Stimmung und Gedächtnis. Und die Verbindungen zu anderen Menschen erweisen sich, je genauer die Forschung hinsieht, als handfester Gesundheitsfaktor und nicht nur als Quelle von Lebensfreude. Keiner dieser Posten ist neu. Ihre Kraft liegt darin, dass sie zusammen und über lange Zeit wirken, leise, kumulativ, ohne den Glanz des Durchbruchs.

Wie das aussieht, lässt sich an einem unauffälligen Leben besser zeigen als an einer Regel. Jemand entscheidet sich mit Mitte fünfzig, einen Sport zu behalten, den der Körper auch mit achtzig noch verträgt, das Schwimmen etwa oder das Radfahren auf ruhigen Strecken. Er nimmt den ersten ernsthaften Rückenschmerz ernst, statt ihn auszusitzen, und beginnt gezielt zu kräftigen, bevor etwas nachgibt. Er verteidigt seinen Schlaf gegen die Verlockungen eines vollen Kalenders, weil er gemerkt hat, dass vieles andere darauf aufsetzt. Und er hält ein paar Freundschaften in Reparatur, ruft an und fährt hin, auch wenn es Mühe macht. Keine dieser Entscheidungen ist für sich genommen bemerkenswert. Zwanzig Jahre später zeigt sich ihre Summe selten als Zahl auf einem Befund. Sie zeigt sich an einem gewöhnlichen Dienstag, an dem die Treppe keine Erwägung verlangt und der Abend noch Kraft für anderes lässt.

Healthspan ist dabei nicht allein ein privates Vorhaben. Linda Fried, lange Dekanin der Mailman School of Public Health in New York, hat 2025 mit der Healthy-Longevity-Taskforce der ASPPH einen Bericht vorgelegt, der längere Leben als Entwurfsaufgabe begreift. Die Frage richtet sich dann über den Einzelnen hinaus auf die Beschaffenheit von Wohnungen, Städten und Institutionen, die darüber mitentscheidet, ob Fähigkeit über die Jahrzehnte trägt. Frieds Rahmung ist bewusst hell. Sie liest das Älterwerden als Potenzial und nicht als zu verwaltenden Niedergang. Für den Leser ist dieser weitere Blick eher Entlastung als zusätzliche Last. Er rückt zurecht, dass die Qualität der späten Jahre kein reines Urteil über persönliche Disziplin sein kann.

Denn eine Demut gehört zu diesem Thema. Nicht jede Größe lässt sich steuern. Gene, Krankheit, Zufall und die Umstände, in die ein Mensch geboren wird, durchkreuzen die Vorstellung vollständiger Selbstbestimmung. Eine ernsthafte Kultur der gesunden Jahre hütet sich deshalb davor, das Älterwerden in eine moralische Leistungsschau zu verwandeln, in der gutes Altern als Belohnung für gutes Verhalten erscheint. Sie verabschiedet zugleich die ältere Idee, das Altern sei ein Defekt, den man beheben müsse. Die kultiviertere Ambition besteht darin, die Zeit besser zu bewohnen, also unnötigen Verlust zu verlangsamen und dort gelassen anzupassen, wo Veränderung ohnehin kommt.

Dass die Länge eines Lebens und seine Fülle zwei verschiedene Dinge sind, ist im Übrigen keine Entdeckung der Longevity-Medizin. Seneca hat in seiner Schrift Von der Kürze des Lebens vor zweitausend Jahren genau diese Trennung gezogen. Nicht wir bekämen ein kurzes Leben, schrieb er sinngemäß, wir machten es kurz, indem wir es vergeuden. Wer es zu nutzen wisse, dem sei die Spanne lang genug. Die Zahl der Jahre war für ihn nie der Punkt. Es ging um das, woraus sie bestehen. Das Vokabular hat sich geändert, die Einsicht ist dieselbe geblieben.

Die 9,6 Jahre aus der Mayo-Studie sind eine Aussage über Bevölkerungen. Für den einzelnen Menschen sind sie keine Prognose. Sie sind eine Reihe von Entscheidungen, die noch offen sind und in der Hand des Einzelnen liegen. Die zusätzlichen Jahre kommen, daran arbeitet die Medizin seit Generationen verlässlich. Woraus sie gemacht sind, entscheidet sich anderswo, früher und stiller, in dem, was man über die Zeit zusammenträgt und behält. Die Qualität der Jahre lässt sich nicht bestellen. Kuratieren lässt sie sich sehr wohl.

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via avvy.net